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Trude Unruh:

Geburtstagsfeier 7.3.2015

40 Jahre „Graue-Panther-Generationen-Bewegung“

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1975 – 2015:

40 Jahre „Graue Panther-Generationen-Bewegung“
in Deutschland

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Frau TRUDE UNRUH
zum 90. Geburtstag am 7.3.2015:

Politik mit Herz, Unruh und Verstand -
Ein Leben für die „Graue Panther-Generationen-Bewegung“

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Herausgeber:

Bundesverband Graue Panther e.V. - Dachverband aller Senioren-Schutz-Bund Vereine Deutschlands

Präsidentin und Bundesvorsitzende: Frau Jutta Jaura
Sitz: 13351 Berlin, Lüderitzstraße 26
Telefon: 030 - 269499 - 11
Fax: 030 - 269499 – 12
Email: info@graue-panther-ev.de
www.graue-panther-ev.de

Berlin, im Juni 2015

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Eine Leserin versah am 10. August 1993 die innere Titelseite des Buches von Trude Unruh „Schluß mit dem Terror gegen Alte. Fallbeispiele und Gegenreaktionen“ mit folgendem Gedanken von Simone de Beauvoir:

„Das Schicksal, das sie ihren nicht mehr arbeitsfähigen Menschen bereitet, enthüllt den wahren Charakter der Gesellschaft“.

Trude Unruh muss unsere Gesellschaft wohl treffend eingeschätzt haben, denn sie begann sehr früh – vielleicht ihrer Zeit zu weit voraus -, sich für die Alten und nicht mehr im Arbeitsleben stehenden Menschen in Deutschland einzusetzen. Mit dem Ziel, sie vor Bevormundung und Willkür zu schützen. Und so initiierte Trude Unruh eine Alten-Bewegung mit politischer Dimension, die ihresgleichen in der Geschichte der Bundesrepublik sucht.

Im Jahr 1975 wurde sie als Anführerin und Kämpferin für die Rechte der Alten zur Begründerin der Selbsthilfeorganisation „Graue Panther“ in Deutschland und schuf somit eine Plattform für eine von der Gesellschaft vergessene, zumeist ignorierte Generation.

Trude Unruh deklarierte aber auch „Heute Wir, morgen Ihr!“ und zielte gleichermaßen auf die Jungen! Und etablierte hiermit ebenso ein Podium für jüngere Menschen, die in der Altenversorgung tätig waren, wie Pflegekräfte und Zivildienstleistende. Auf dieser Basis wurde vor 40 Jahren in Wuppertal die „Graue-Panther-Generationen-Bewegung“ geboren, der „Senioren-Schutz-Bund (SSB) Wuppertal e.V.“, mit zahlreichen Außenstellen in anderen Orten! Damit begann das Lebenswerk einer Visionärin und die wechselvolle Lebensgeschichte einer der bemerkenswertesten Frauen-Persönlichkeiten unserer Tage: Menschenführerin, Seniorenarbeiterin, Mutter, Politikerin, (Ex-)Mitglied des Bundestages.

„Trude Unruh versteht, sich Gehör zu verschaffen. Sie ist eine mit Luftverdrängung, eine, die einfach durch ihre Präsenz halbleere Gasthaussäle füllt“ schrieb seinerzeit die Zeitschrift STERN.

Der norddeutsche Fernsehsender NDR kommentierte damals die spektakuläre Geschichte der „Grauen Panther“, die Trude Unruh in ihrem Buch „Aufruf zur Rebellion. Graue Panther machen Geschichte“ aufgeschrieben hatte, mit den Worten: „Der Band dokumentiert, wie sehr die Alten in der Bundesrepublik eine Selbsthilfeorganisation brauchen, die sich dem Schutz ihrer Rechte verschrieben hat“.

Erwähnungswert ist die Tatsache, dass Trude Unruh und ihre Mitstreiter „sich ihr Programm (ein Panther-Motto lautete ‚Fröhlichkeit und Politik‘, ein anderes ‚Mitglieder helfen Mitgliedern‘) selbst erarbeiteten, lange bevor sie überhaupt von der Existenz der Panther in den USA erfuhren“, heißt es weiter im Buch „Aufruhr zur Rebellion“. Maggi Kuhn, legendäre Führerin der „Gray panthers“ in den USA, hatte ihre radikale Altenbewegung dort im Jahr 1972 gegründet. „Unterschiede zwischen … den USA und der BRD sind am deutlichsten in der Mitgliederstruktur auszumachen. In den USA sind wesentlich mehr jüngere Menschen … aktiv, außerdem dominiert eindeutig die gebildete, auch in frühen Jahren schon aktive Mittelschicht mit gesichertem Einkommen. In der Bundesrepublik sind dagegen in der Mehrheit die Menschen anzutreffen, die aus ureigensten Interessen und als persönlich Betroffene für eine bessere materielle Absicherung im Alter streiten. Auch die praktische Gegenseitigkeitshilfe, die gemeinsame tagtägliche Lebensbewältigung, der Beistand der Panther untereinander, findet sich bei den US-Panthern so nicht wieder.“

Heute, im Jahr 2015 und 40 Jahre später, möchten wir „unserer Trude“ von Herzen zu ihrem 90. Geburtstag gratulieren, ihr Lebenswerk würdigen und sie zu ihrer Lebensleistung beglückwünschen!


Zur Biographie

Der Familienname Unruh wurde Trude Unruh zum Programm. „Mutter Courage“ der Grauen Panther wurde sie früher oft genannt, ihren Weg betitelte sie selbstbewusst als „Trudismus“, ihr „Lex Unruh“ hatte sie mit Weitblick angelegt und sie sagte allen den Kampf an, die sie von einem ihrer wichtigsten Ziele abbringen wollten, nämlich „die Menschenwürde im Kapitalismus anzustreben“ - wie sie 1996 der Frankfurter Rundschau in einem Interview bedeutete.

Am 7. März 1925 wird Gertrud Kremer als uneheliches Kind in Essen geboren, von den Großeltern mit erzogen, die selbst 7 eigene Kinder hatten. Nach der Mittleren Reife besucht sie die Berufsschule mit begleitenden Weiterbildungsmaßnahmen (u.a. Schreibmaschine, Betriebswirtschaft), danach das Kruppsche Bildungswerk. Ab 1941 arbeitet sie als Sachbearbeiterin in der Hauptverwaltung des Waffenherstellers Krupp in Essen, wird dort dann Chefsekretärin. 1942 heiratet sie mit 17 Jahren Helmut Unruh (geboren 1923), Kriegsversehrter und schwer behindert, im niedersächsischen Nordstemmen. Im gleichen Jahr wird sie mit der Konzernspitze der Firma Krupp wegen der starken Bombardierung ins Schlesische Breslau (Markstedt) verlagert. Im Alter von 19 Jahren muss sie aus Breslau vor den Russen fliehen, per Fahrrad, und gelangt nach Nordstemmen. 1950 wird sie als Chefsekretärin in Northeim angestellt, 1953 siedelt die Familie dorthin um. 1955 und 1959 werden ihre Söhne Helmut und Ingbert geboren. 1959 zieht die Familie nach Werl, 1968 wird sie in Wuppertal sesshaft. Nach der Geburt ihres zweiten Sohnes arbeitet Trude Unruh ehrenamtlich, u.a. beim Deutschen Roten Kreuz. 1993 stirbt ihr Ehemann im Alter von 70 Jahren.

Trude Unruh, jüngste Geheimnisträgerin bei Krupp, interessiert sich nach ihrer Tätigkeit als Betriebswirtschafterin schon sehr früh für Politik und Gesellschaft. 1968 startet sie – im Umfeld der gewaltlosen 68er-Bewegung – ihre politischen Aktivitäten. Bereits 1969 ruft sie ihre erste Eigeninitiative ins Leben. Nach ihrer Mitgliedschaft in der SPD (1968-1973; sie selbst nannte sich „politische Tochter von Gustav Heinemann“) und der FDP (1973-1978) wird Sie 1978 Mitglied der GRÜNEN Alternativen Liste. 1983 schließt sie mit den GRÜNEN einen „Sprachrohrvertrag“ für ihr eigenes Programm „Graue Pfote“. Dieser Vertrag besagte, dass sich die GRÜNEN verpflichteten, beim Einzug in den Bundestag Positionen der „Grauen Panther“ in das Parlament zu tragen. Trude Unruh: „In ihrem Programm hatten sich die GRÜNEN als Sprachrohr für alle sozialen Bewegungen angeboten. Und selbstverständlich sind wir Grauen Panther eine ‚soziale Bewegung‘. Dadurch wurden wir ja nicht ‚grün‘ – wir blieben ‚grau‘! Aber wir hatten die Tatze im Deutschen Bundestag!“

1975 gründet sie den „Senioren-Schutz-Bund (SSB) Wuppertal e.V.“, der wenig später als „Senioren-Schutz-Bund ‚Graue Panther‘“ weitergeführt wurde, mit dem Panther als Marke und Symbolfigur. Die jetzige Präsidentin Jutta Jaura sagt: “Bei den Vorbereitungstreffen für die Gründung des ersten „Senioren-Schutz-Bund Wuppertal e.V.“ erfolgten die Einladungen unter dem Motto „Fröhlichkeit und Politik“. Bei Gründung erhielt der Verein dann den Zusatz: ‚Ein Verein mit politischer Willensbildung‘. Damals dachte Trude Unruh noch, es reiche, sich bei den vorhandenen Parteien Verbündete zu suchen, mit denen für einzelne, drängende gesellschaftspolitische Probleme dann gemeinsam Lösungen erarbeitet und verwirklicht werden könnten. Wie zum Beispiel bessere Pflege, bessere Renten, bessere Bildungsangebote für die Jungen“.

Nach Spaltung der GRÜNEN in die Gruppierungen Realos und Fundamentalisten beendet Trude Unruh die Zusammenarbeit mit dieser Partei. 1989 ruft sie ihre eigene Partei „DIE GRAUEN – Graue Panther“ auf Bundesebene ins Leben. Wie es in ihrem Buch „Grau kommt – Das ist die Zukunft“ heißt, als „eine politische Plattform, deren Ziele allerdings weit über die Altenpolitik hinausgehen“. Trude Unruh wird Vorsitzende, sie betrachtet ihre Partei als politischen Arm zur Durchsetzung ihrer Panther-Ziele und erklärt „Jung und Alt gemeinsam“ zum Leitgedanken der „Generationen-Partei“.

Bereits im Jahr 1982 hatte sie als Parteilose über die NRW-Landesliste der GRÜNEN ein Bundestags-Mandat angenommen und blieb bis Ende 1990 Mitglied des Deutschen Bundestags, in der letzten Zeit als Abgeordnete für ihre eigene Partei „DIE GRAUEN – Graue Panther“. Trude Unruh sprach immer davon, „dass sie ein ‚Graue-Panther-Mandat‘ dort wahrgenommen habe, da die damals jugendlichen Kandidaten der GRÜNEN keine Programmpunkte zur Altenpolitik hatten“. Sie bringt in diesen Jahren durch ihre politischen Tätigkeiten Renten- und Gesundheitsreformen in Gang, hält zukunfts-gerichtete Reden – etwa 140 an der Zahl! -, auch zur Deutschen Einheit, setzt sich für die Einführung von Volksentscheiden ein und formuliert für ihre Partei ein „20-Punkte-Programm“ mit Menschenschutzpolitik, Sozial- und Rentenpolitik als den wichtigsten Schwerpunkten. Zu dieser Zeit haben die Grauen Panther bereits 30000 Mitglieder, sind in rund 170 Außenstellen aktiv und die Partei ist in den 16 Bundesländern vertreten. Ein publikumswirksamer Slogan lautet: „Politik mit Herz und Unruh und Verstand!“

Demonstrationen waren jederzeit ein probates und erfolgreiches Mittel für die streitbare Persönlichkeit Trude Unruh und ihre Panther. Sie wollte damit die Aufmerksamkeit gezielt auf die Schwächsten in unserer Gesellschaft lenken, auf menschenverachtende Zustände, zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen, auf die oft skandalöse Entmündigung älterer Bürger, zugleich auch den Missbrauch der jungen Zivildienstleistenden an diesen Stätten anprangern oder ihre Stimme für eine längst überfällige Mindestrente erheben. „Senioren-Protest vor dem Rathaus“ las man oft in der Presse! Und auch Rundfunk und Fernsehen berichteten über „Mitglieder helfen Mitgliedern“-Aktivitäten.

In ihrem Buch „Aufruf zur Rebellion“ beschreibt Trude Unruh ihre erste Demonstration, bei der erstmalig der Pflegenotstand in der Öffentlichkeit thematisiert wurde:

“…Demonstrationen von zu 80% Großmüttern, die aggressiv und gar nicht ‚altfraulich‘ gesellschaftliche Missstände anprangerten und ihr Recht auf Menschenwürde bis zum Tod forderten, hatte es schließlich in dieser Republik vorher noch nicht gegeben.
Die Öffentlichkeit nahm uns – teils belustigt, teils schon nachdenklich – als alte Exoten zur Kenntnis. Und Hunderte von Betroffenen wandten sich schon in den ersten Wochen an uns. Wir wussten, dass wir erst die Spitze eines Eisbergs sichtbar gemacht hatten…

Viel wichtiger war, dass wir uns selbst bewiesen hatten, dass man als verschworene Gemeinschaft auch zur Verbesserung der Gesellschaft und der eigenen Lebenssituation etwas tun kann. Wir hatten erfahren, dass es sich lohnt, sich zu wehren und sich für die Rechte anderer einzusetzen. Wir hatten geschickt den Überraschungseffekt ausgenutzt und keine Angst vor Politikern und Behörden gezeigt. Wenn es sein musste, wollten wir sie auch weiter öffentlich anprangern…
Unter den ‚Radikalenerlass‘ konnten wir nicht mehr fallen und vor dem Abschieben ins Alten- und Pflegeheim schützten wir uns gegenseitig. Was kann uns alten Köppen denn noch passieren, dachten wir und wussten, dass wir auf dem richtigen Weg waren“.

1991 initiiert Trude Unruh das „Generationen-Bildungswerk Graue Panther Nordrhein-Westfalen e.V.“, das 1996 Träger der Deutschland-weiten „Trude Unruh-Akademie für politische Bildung“ wird. Ebenfalls 1996 gründet sie in Berlin den „Bundesverband Graue Panther e.V.“ - als Dachverband der „Senioren-Schutz-Bund Vereine Deutschlands“ und wird seine Präsidentin bis 2010. Bei dreijähriger Wahlperiode wird sie 2007 das letzte Mal in dieses Amt gewählt. Als sie 2008 die Amtsgeschäfte nicht mehr persönlich führen konnte, werden diese bis 2010 von ihren damaligen Stellvertreterinngen, Ruth Piehler (SSB Gera), der zweiten Vorsitzenden, und Eva-Maria Mies (SSB Berlin), der dritten Vorsitzenden des Bundesverbandes übernommen.

Im Jahr 2010 wird Jutta Jaura (SSB Berlin, früher SSB Bonn; 1989 – seit Gründung des Landesverbandes NRW „DIE GRAUEN“ - bis 2007 Mitglied des Landesvorstandes NRW, 2004 - 2007 Landesvorsitzende NRW; auf Bundesvorstandsebene Federführung der Programm-Kommission), zur Präsidentin gewählt. Als direkte Nachfolgerin von Trude Unruh tritt sie das Amt mit den Worten an: „Die Schuhe von Trude Unruh sind eigentlich entschieden zu groß für mich, so dass ich nicht unmittelbar in ihre Fußstapfen treten kann. Doch ich habe lange Zeit mit Trude intensiv zusammengearbeitet, sie wöchentlich öfter getroffen, glaube, ihre Grundgedanken und Motivation zu kennen. Deshalb fühle ich mich in der Lage, ihre Ideen hinsichtlich des Bundesverbandes und der SSB-Vereine weiterzutragen.“

1996 hebt Trude Unruh in München die bundesweite “Graue-Panther Stiftung“ aus der Taufe, eine rechtsfähige öffentliche Stiftung des Bürgerlichen Rechts, die im Jahr 2013 in „Trude Unruh-Stiftung“ umbenannt wird. Und zu ihrem Lebenswerk zählt weiter noch die Zeitschrift der Generationen-Bewegung „GRAUER PANTHER“, die sie 1983 gründet.

Bezeichnend ist die Offenheit, mit der die Vordenkerin Trude Unruh die Bedeutung und das Ausmaß ihres Lebenswerkes beschreibt: „Jeder private Verein, jede Kirchengemeinde, jeder Wohlfahrtsverband kann die Panther-Ideen für selbstbestimmtes Leben und Wohnen im Alter nachahmen und verwirklichen!“

Die Kernpunkte von Trude Unruhs Wirken „für eine Gesellschaft aller Generationen“ fasst Helga Mirke in ihrer Diplomarbeit für die Fachhochschule Köln 2005 in folgenden Zielen zusammen:
* Aufklärung von Unwissen
* Schutz vor Behördenwillkür
* Schutz vor Bevormundung
* Schutz vor Sterbensverlängerung
* Selbstbestimmtes Leben für alle älteren Bürger bis hin zu selbstbestimmtem Sterben
* Generationengerechtigkeit
* Arbeit bezahlen statt Arbeitslosigkeit
* Jung und Alt gemeinsam zum Erhalt einer sozialbestimmten Demokratie.

Und wenn heute in fast allen Städten und Gemeinden ein Seniorentreff angeboten wird: Den ersten „Senioren-Treff“ machte Trude Unruh bereits 1972 in Wuppertal zu einer Institution. Gemäß dem Motto: “Fröhlichkeit und Politik“!

Ein schriftstellerisches Denkmal hat sich Trude Unruh als Autorin und Herausgeberin von fünf Büchern gesetzt, in denen sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen aus der jahrzehntelangen Praxis als Pionierin der „Generationen-Bewegung“ dokumentiert hat. Mit dem Ziel, das Bild, das die Öffentlichkeit von alten Menschen hat, grundlegend zu revidieren. Erschienen sind

1984 erschien ihr „Aufruf zur Rebellion. ‘Graue Panther‘ machen Geschichte“,
1987 die „Trümmerfrauen – Biographien einer betrogenen Generation“,
1989 der “Tatort Pflegeheim. Zivildienstleistende berichten“,
1990 „Grau kommt – Das ist die Zukunft. Ein politisches Bekenntnis“ und
1991 „Schluß mit dem Terror gegen Alte. Fallbeispiele und Gegenreaktionen“.

Es ist schon erstaunlich, wie aktuell viele der Buchinhalte und Themen in unserer Zeit noch sind…!


Trude Unruh im Spiegel der Anderen

Weggefährten, MitarbeiterInnen und Freunde der „Graue-Panther-Generationen-Bewegung“ erinnern sich vielgestaltig an die frühere Zusammenarbeit mit Trude Unruh. Als Nachfolgerin der 68er-Generation, so heißt es, prägt diese ein „starker Wille“ und eine „große Dynamik“, eine „schonungslose Ehrlichkeit“, sie „spricht klare Worte“, ist „schlagfertig und wortgewandt“, „fasst das Wesentliche knapp zusammen und kann es kommunizieren“, „ist kreativ und idealistisch“, „sie kann auf Aktuelles aufgrund ihres Wissens sofort reagieren“ und „ist immer gründlich vorbereitet, wenn sie an die Öffentlichkeit tritt“, sie „nimmt kein Blatt vor den Mund“ und „ist unorthodox“. Das wirkt auf manche nicht selten „diktatorisch“, „krass im Umgang“, „manchmal auch taktlos“, oft „fühlte man sich auch vor den Kopf gestoßen“, „wünschte sich mehr Feinfühligkeit von ihr“.

Die zentrale Geschäftsstelle für den Bundesverband Graue Panther e.V., seine Mitgliedsvereine und auch für die Partei „DIE GRAUEN – Graue Panther“ war seinerzeit in Wuppertal. Untergebracht in dem Haus, wo sich auch die Wohnung von Trude Unruh befand. Im Parterre angesiedelt war das Büro, im 1. Stock die Sitzungsräume und unterm Dach zudem die Räume der Geschäftsstelle des Landesverbandes NRW der Partei. Auf diese richtete Trude Unruh als Landesverbands-Mitglied ihr besonderes Augenmerk.
Man begegnete sich im Haus oft, es gab immer reichlich Gesprächs-und Abstimmungsbedarf, auf Gremiumsebenen oder auch persönlich.
“Eine Besonderheit hatte Trude Unruh für den zwischenmenschlichen Umgang aller miteinander eingeführt: Sie pflegte alle, auch ihr neu vorgestellte Menschen, zu Duzen! Und auf „Panther-Ebene“ sprachen sich sowie alle mit DU an“, erzählt Jutta Jaura.

Trude Unruh sieht sich von ihrer Herkunft her als eine „Frau aus dem Volke“, hat in ihrer Jugend die schlimmsten Kriegswirren und Schrecken miterleben müssen, ist in sehr jungen Jahren durch die Kriegszeit jedoch auch in höchste Positionen und Verantwortung hineingekommen. Als Sekretärin bei Krupp hat sie für die Führungsspitze gearbeitet, alle Nazi-Größen sind in ihrem Büro ein- und ausgegangen, Lösungen wurden stets auch von ihr erwartet und kein Gejammer über Dinge, die nicht funktionierten. „Schäden“ des Krieges musste sie mit beheben, wie beispielsweise Köpfe von Toten einsammeln…Das alles prägte die junge Frau.

Als „zerrissen“ könnte man einen Teil ihrer Persönlichkeit beschreiben aufgrund der Kriegserlebnisse mit Flucht, Waffengewalt und Todeserlebnissen, aber mit klarem Blick für das Wesentliche und Kreative und dem unbändigen Willen, dies auch zu realisieren - einen anderen Teil ihrer Persönlichkeit.

In der Zusammenarbeit ist sie „immer für ein Überraschungsmoment gut gewesen, nie wusste man, wann sie womit zum Vorschein kam - selbst in der Begegnung mit einem hochkarätigen Politiker“.
„ Ich suche allerorts immer Verbündete für die Umsetzung meiner Ideen. Selbst den Franz Josef Strauß habe ich wegen der Pflegeproblematik angesprochen“, sagte sie einmal, „aber kein Interesse! Es hätte mir nichts ausgemacht, das mit dem zusammen anzupacken, wenn kein anderer wollte“.

Neben der politischen Kompetenz prägte seinerzeit vor allem auch der Gemeinschaftssinn von Trude Unruh die Zusammenarbeit mit ihren Wegfährten. Jutta Jaura: „Trude hatte Humor. Was bei ihr gemäß dem Gründungsgedanken „Fröhlichkeit und Politik“ nie zu kurz kam, war der Unterhaltungsteil bei allen Versammlungen, getragen aus der Mitte der Versammelten. Dann wurde sie sogar zur Entertainerin, sang und führte selbst einen Stepptanz vor. Und animierte die versammelten Mitglieder, doch mitzumachen!
Dabei kamen die unwahrscheinlichsten Talente zum Vorschein: Eine konnte mit Äpfeln oder Zitronen jonglieren, ein anderer zog eine Puppe hervor und trat als Bauchredner auf, wieder jemand anderes konnte zu Gitarrenakkorden Tenorarien schmettern, zwei blonde Pantherfrauen im Dirndl legten die Platte eines Alpen-Duos auf und imitierten zum Originalton Maria und Margot Hellwig!
Was alles zunächst nur als Improvisierung begann, führte später zur Einrichtung der „Panther-Show-Bühne“, mit festem Nummern-Repertoire und unter Leitung eines Musikers. Die Akteure traten dann weiter bei Panther- oder Partei-Treffen auf. Improvisation blieb natürlich immer ein Programmpunkt!

Das alles brachte Versammlungen in Stimmung. Es wurde viel gelacht. Gefürchtet wurde allerdings, wenn Trude Unruh einzelne Mitglieder persönlich aufrief, etwas beizutragen. Vor allem Funktionsträger von Verein oder Partei zuckten dann zusammen. Dessen ungerührt hob Trude nur die Schultern und sagte als ständige Redewendung: ‚Als Delegierter oder Kandidat muss man so etwas eben auch können‘!
Und - legendär waren auch die Panther-Karnevalsfeiern in Wuppertal, die später zur Gründung des Karnevalsvereins ‚Graue-Panther-Generationen-Narren e.V.‘ führte, mit eigenem Wagen im Wuppertaler Karnevalszug!“

Trude Unruh, wirtschaftlich unabhängig und mit reichlich Zivilcourage ausgestattet, hat ein ehernes Prinzip und eine feste, anständige Grundhaltung tagtäglich gelebt. “Die Sache muss politisch sauber sein, und dies bei der kleinsten Kleinigkeit“, hieß es immer bei ihr, wie ehemalige Mitarbeiter berichten, „sie war unzugänglich für jegliche Geschenke oder Gaben“.
Sie argumentierte: „Alles, was mir geschenkt wird, kriegt immer der ‚Graue Panther Senioren-Schutz-Bund Verein Wuppertal‘. Denn was ist schon eine Bonbonniere? Man käme in Situationen, die versteht man nicht“. Korrumpierbarkeit kannte sie nicht.

Krisenjahre der Grauen Panther

Doch neben den Erfolgen muss die charismatische Trude Unruh auch Krisen, schwere Niederlagen und menschlich-herbe Enttäuschungen im engsten Mitarbeiterkreis erfahren, diese über Jahre hinweg durchleben.

Das Aufkommen des Parteispendenskandals ihrer Partei „DIE GRAUEN – Graue Panther“ im Jahr 2007 traf sie ins Mark. DER SPIEGEL schrieb in seiner Ausgabe 46/2007: „Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen, dass Trude Unruhs Partei DIE GRAUEN zum Sammelbecken dubioser Polit-Chaoten wurde. Jetzt droht das Ende der Bewegung … Die Strafverfolger wollen mit Hilfe der bei Unruh sichergestellten Schriftstücke beweisen, dass die Grauen mit Parteispenden getrickst und den Bund um Zuschüsse in Höhe von mehreren Millionen Euro betrogen haben (Spiegel 39/2007). …Die ehemalige Grünen-Abgeordnete, die Anfang Oktober den Bundesvorsitz an den Berliner Kneipier Norbert Raeder, 38, abgab … Polit-Clowns und Gestrandete haben sie (Anm.: Trude Unruh) überrannt. Männer wie Ernst Otto Wolfshohl, 63: Das Bundesvorstandsmitglied, mutmaßlicher Drahtzieher des Spendenbetrugs, soll für sich, so vermuten Staatsanwälte, etwa 140 000 Euro abgezweigt haben … Neben Wolfshohl rückten auch Manfred Albrecht, 53, ehemaliger Bundeschef der rechtslastigen Statt Partei, … auf einflussreiche Posten.“

SPIEGEL ONLINE vermeldete im Januar 2008: “Die ‚Grauen‘ stehen vor dem Ruin. Seniorenpartei in der Krise: Weil ein Bundesmitglied der „Grauen“ Spendenquittungen gefälscht haben soll, um Zuschüsse vom Staat zu erschummeln, fordert der Bund eine Zahlung in Millionenhöhe (Anm.: 8,5 Millionen). Der Skandal könnte für die Partei das Aus bedeuten…
…zum Zeitpunkt seiner Festnahme (Anm.: E. O. Wolfshohl) soll der Wuppertaler bereits Flugtickets für die Philippinen besessen haben … der 63-jährige fiel vorher schon durch skurrile Ungereimtheiten im Lebenslauf auf. So trug er jahrelang den Titel Prof. Dr. Dr. Dr., den er angeblich an einer philippinischen Uni erworben hatte…“.

Und FOCUS Online veröffentlichte am 1. März 2008: „Auf einem chaotischen Parteitag hat die Seniorenpartei ‚Die Grauen‘ ihre Auflösung eingeleitet. Die einst kämpferische Gründerin Trude Unruh ist nur noch eine Randfigur… Die…Chef-Pantherin verfolgte die beginnende Auflösung ihres Lebenswerkes meist schweigsam auf den hintersten Plätzen. Die 83-jährige ergriff das Wort nicht, und auch Interviews wollte die gesundheitlich angeschlagene erste Dame der Panther nicht mehr geben. Ob ihre Grauen nun wirklich aufgelöst werden, entscheiden bis zum 17. März die 3300 Mitglieder in einer Urabstimmung…“.

„In Wuppertal ist am Dienstag (25.3.08) das endgültige Aus für die Seniorenpartei „Die Grauen – Graue Panther“ bekannt gegeben worden. Wegen Zahlungsunfähigkeit wurde in einer Urabstimmung die Auflösung ihrer Partei mit einer Mehrheit von 84 Prozent beschlossen“ schrieb seinerzeit aktuell WDR.de.


Und Trude Unruh?

Wie muss sie es empfunden haben, als die Menschen, denen Sie ihr Lebenswerk zur weiteren Verbreitung in gutem Glauben anvertraut hatte, ihre jahrzehntelange Arbeit zunichtemachten? Ihr Lebenswerk zerstörten? Ihr Ansehen und ihren guten Ruf ruinierten?
Wie mag es in ihr ausgesehen haben, wenn sie in der Presse – sie schaute kein Fernsehen – immer wieder über den Spendenskandal und die Veruntreuung von Geldern lesen musste? Über die Lügen, die verbreitet wurden? Über das fehlende Unrechtsbewusstsein ehemaliger Vertrauter?

Welche Gefühle mag sie gehabt haben, als sie über Jahre mitansehen musste, wie auch ihre Familie mit hineingezogen wurde? Wie ihre Familie unter dem beschädigten Ruf in der Öffentlichkeit leiden musste, von dem beruflich-geschäftlichen, existenziellen Schaden ganz zu schweigen? Dem gesellschaftlichen Misskredit in Wuppertal, in den die gewissenlosen Machenschaften einiger Menschen sie und ihre Angehörigen gebracht hatten?

„Trude Unruh hat eine weiße Weste“ erklärte Staatsanwalt Wolf-Tilmann Baumert im Jahr 2008 abschließend. Das hieß: Trude Unruh war zu keinem Zeitpunkt in den Spendenskandal um ihre Partei verwickelt gewesen. Sie war in der Öffentlichkeit rehabilitiert - ohne jemals angeklagt oder schuldig gewesen zu sein…
Doch der jahrelange innere Druck zehrte an ihrer Gesundheit, ließ sich offenbar nicht einfach so abschütteln. Trude Unruh erlitt mehrere kleine Schlaganfälle, die der einst so lebensstarken und agilen Frau vor einigen Jahren gesundheitlich sehr zugesetzt haben. Heute geht es ihr den Umständen entsprechend wieder gut.
Doch Trude Unruh und ihre Familie haben sich nach all den für sie schlimmen Zeiten und Ereignissen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Und werden sich nicht mehr zu den Geschehnissen äußern. Nur zu gut zu verstehen.
Doch wer möchte nicht glauben, dass sie auch heute noch auf ein Wort der Wiedergutmachung, eine Entschuldigung, eine Geste warten … Auch dies wäre mehr als verständlich.

Zum Ende des Jahres 2014 gab es immerhin eine gute Nachricht von der Staatsanwaltschaft aus Wuppertal. Staatsanwalt Baumert teilte auf Nachfrage offiziell mit, dass der Prozess gegen Ernst Otto Wolfshohl nun „juristisch erledigt“ ist. Die Revision, die E.O. Wolfshohl angestrengt hatte, „verworfen“ wurde und dieser nun „rechtskräftig verurteilt ist“. Und „der Vollstreckungsstand ist, dass E.O. Wolfshohl dieser Tage in der Vollzugsanstalt für zwei Jahre und 9 Wochen einsitzt“.
2008 wurde die Partei „DIE GRAUEN - Graue Panther“ aufgelöst, Ende 2014 mit der Urteilsvollstreckung am Hauptschuldigen endlich der jahrelange Prozess um die Spendenaffäre der Partei beendet. Das Alte ist vorbei. Endlich, möchte man sagen. Obwohl es zweifelsohne noch offene Fragen geben könnte. Eine wäre: Wo könnte eigentlich das ganze Geld geblieben sein…?

Auch der „Bundesverband Graue Panther e.V.“/ „Dachverband aller Senioren-Schutz-Bund Vereine Deutschlands“ und seine Mitglieder haben durch den Prozess und seine Folgen existenziell schwere Jahre durchstehen müssen. Doch der Verband ist immer ein eigenständiger eingetragener Verein gewesen und war keine Gliederung der ehemaligen Partei. Der Bundesverband und seine einzelnen Ortsvereine haben während all dieser Zeit die Werte und die Ziele der „Grauen Panther“ weiterhin vertreten und ihre Arbeit aufrechterhalten. Der Verband hat seine satzungsgemäße Arbeit immer eigenständig weiter durchgeführt.

Deshalb sei an dieser Stelle nochmals festgestellt, „dass der ‚Bundesverband Graue Panther e.V.‘ und seine „Senioren-Schutz-Bund“-Mitgliedsvereine nicht im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen die ehemalige Partei gestanden haben“.

Im 40. Jubiläumsjahr seit Gründung 1975 also auch für die Grauen Panther ein guter Anlass, wieder positiver in die Zukunft zu schauen!


Zukunfts-Perspektiven

Wünschen wir Trude Unruh und ihrer Familie von Herzen, dass langsam die schlimmen Erlebnisse der vergangenen Jahre verblassen und ein normaleres Leben wieder Einzug halten möge.

Und der „Graue-Panther-Generationen-Bewegung“ unter dem Dach ihres Bundesverbandes, dass nun eine Basis gegeben ist, nach den Unwägbarkeiten durch die Prozessfolgen - mit Krisen, Unruhe,
Vereinssterben, Mitgliederverlusten, Anschuldigungen, Verwechselungen - einen Neustart auf bewährter Tradition ihrer Vordenkerin zu wagen!


Trude Unruhs Wahlspruch und Motto seit 1975:
„Gelebte Menschlichkeit ohne Heuchelei
Vorbild sein – auch wenn’s oftmals schwer fällt
Durchhalten, trotz Verleumdungen“.

Dies hat sie selbst - trotz allem - mit Bravour geschafft, allen vorgelebt. Auf ihre Weise. Authentisch. Wie immer.
Allen, die Trude Unruh nachfolgen, wird auch dies zu einem Gradmesser werden. Nach innen wie nach außen.

Gefragt ist ein neuer Anfang mit neuen Strukturen und vielleicht radikalen Reformen. Haben wir nach allem den Mut dazu?

Deutschland braucht mehr denn je eine Generationen-Bewegung, die Jung und Alt mit einschließt, verbindet, ein modernes Sprachrohr, das die Bedürfnisse besonders der Älteren und Alten thematisiert. Denn die einstigen Visionen der Gründerin sind aktuell wie eh und je, in weiten Teilen noch nicht erfüllt.
Es wird darum gehen, die verlorengegangene Würde dieser Generationen wieder zurückzuholen und die älteren und alten Menschen wieder Partner „auf Augenhöhe“ werden zu lassen. Im täglichen Leben, in der Gesellschaft, als ebenbürtige Gesprächspartner - für Politik, Medizin, Behörden, Ämter, Sozialverbände, Krankenkassen…

Es hat den Anschein, dass die heutige Gesellschaft leider weiter davon entfernt ist als je zuvor…

Jeder Einzelne im Staat mag sich fragen, wie er individuell mit dem Thema „Älter und Alt werden in der heutigen Zeit“ umgeht. Für sich selbst und dem Anderen gegenüber. Und was jeder dazu beitragen kann, die Situation ein wenig besser, ja lebenswerter zu machen.
Angesichts des demographischen Wandels, an dessen Anfang wir in unserem Land erst stehen, wird sich jeder Bereich in Wirtschaft, Gesellschaft, Sozialwesen, Kultur, Kommunikation und Medien langfristig auf die Veränderungen einstellen müssen – mental, praktisch, mit neuen Ideen, Konzepten, Produkten, Dienstleistungen.
Das gilt besonders auch für die Verantwortlichen und Entscheider „da oben“ in den verschiedensten Wirkungsfeldern. Und sei es auch gegen ihren Willen. Denn viel zu viele haben sich sehr bequem eingerichtet und leben eine „Vogel-Strauß-Politik“. Sie haben zwar kommerziell die Bedürfnisse der Älteren und Alten als „Markt“ entdeckt, verweigern aber ethisch ohne Unrechtsbewusstsein alles, was mit Würde, Zeit, Anliegen und Zuwendung für diese Menschen zusammenhängt.

Gefordert sind eine ganzheitlich-spirituell-ethische Betrachtungsweise des Menschen in unserer Gesellschaft, einschließlich der Anwendbarkeit dieser Ansätze im Wirtschafts- und Privatleben. Und - die Rückkehr der Würde! Dies unter Berücksichtigung der Individualität und Persönlichkeit jedes Einzelnen, wie es Trude Unruh gefordert hat. Dies steht in offenem Gegensatz zur Gleichmacherei und Austauschbarkeit von fast allem in der heutigen Zeit, „vorgegebene“ Meinungen und angebliche
Musts mit inbegriffen.

Wünschen wir uns als Graue Panther, dass wir die Eigenschaften des
Panthers in unserer Zeit neu leben, dass wir für die alten und jungen Menschen zur Lobby des Demographischen Wandels werden. Mit besonderem Augenmerk dabei auch auf die nachrückende Generation. Denn Sie sind die Grauen Panther von Morgen! Wenn die Jungen beispielsweise keine vollwertigen Arbeitsplätze erhalten, dann ist ihre Altersarmut vorprogrammiert und eine Welle der Verarmung kommt zusätzlich zu der Überalterung auf die Gesellschaft zu.

Trude Unruh hat durch ihre Arbeit - gemäß ihrer Philosophie „Heute WIR, morgen IHR!“ - beste Grundlagen gelegt, die es wert sind, tradiert zu werden.

Ein weiterer Aspekt. Es scheint ein kaum verständliches Phänomen des beginnenden 21. Jahrhunderts zu sein, dass immer nur der Andere älter wird, ja sogar stirbt. Für den jeweiligen Menschen selbst gilt dies natürlich nicht … Wie ist es dann zu erklären, dass eine der größten Wachstumsbranchen unserer Tage die Schönheitschirurgie ist - mit vornehmlicher Zielgruppe der Wohlhabenden? Pharma- und Kosmetikindustrie mit zunehmender Bandbreite ihrer vermeintlich verjüngenden Wellnessprodukte eingeschlossen. Botox-aufgespritzte, maskenhaft-entstellte Gesichter sind hier – anstelle von inneren Wegen zu sich selbst und Nachdenken über den Sinn des Lebens und der Schöpfung – kein Lösungsansatz für existenzielle Fragen.

Von tiefenpsychologischer Warte aus betrachtet – eigentlich tragisch, wie wenig Probleme der heutige Mensch offensichtlich hat, „sein Gesicht zu verlieren“…

Seit Menschengedenken gehört Alt werden zum Lauf eines jeden Lebens auf diesem Planeten dazu, wie auch das Sterben. Mehr denn je stellt sich die Frage angesichts des vermeintlichen gesellschaftlichen Ideals „Jung und Schön“:
Wie – und wo - kann ich in Würde alt werden? Einen erfüllten, von anderen geachteten und, wenn nötig auch umsorgten, geschützten Abend des Lebens verbringen? Wo werde ich in meiner gegenwärtigen Befindlichkeit als Mensch respektiert? Wann wird „in Würde alt werden“ auch als eine Anforderung, die an uns Menschen im Leben gestellt ist, akzeptiert und als Lebensleistung bewertet?

Trude Unruh sprach auch zum Thema Würde im Alter wie so oft Klartext: „Ein Pflegebett in einem Mehrbettzimmer mit Nachttisch und einer Schrankseite als ‚letzte Wohnung‘ ist menschenunwürdig. Es gehören vertraute Menschen dazu und persönliche Gegenstände und Erinnerungen in eine letzte Alterswohnung. Altersarmut, die so etwas unmöglich macht, ist eine Schande für ein Land wie Deutschland“.

Und sie bot zu ihrer aktiven Zeit bereits Antworten für die Praxis an, rief Modelle ins Leben, die es ebenfalls wert sind, weiter entwickelt zu werden: zum Beispiel neuartige Wohnmodelle, Mehr-Generationenhäuser (wie die einstige „Panther-Burg“ in Wuppertal), gesamte Generationen-Dörfer, eigene Pflegedienste, Gemeinschaftsgräber.

Trude Unruh proklamierte im Jahr 1994 (Zeitschrift „Grauer Panther“ Nr. 9, September 1994, 12. Jahrgang), 20 Jahre nach Gründung ihrer Panther-Bewegung, u.a. folgendes:

„… wir sind ein Generationenbund, der einen sozialen Umbau der Gesellschaft zum Ziel hat, der besonders auch älteren Menschen zugutekommt. Und wer als 30jähriger nicht begreift,
dass er für sich selbst Politik macht, wenn es zum Beispiel um die Rente geht, dem ist nur noch schwer zu helfen...

Wir waren mit den „Grauen Panthern“ immer schon eine kleine Denkfabrik von ideologie- und vorurteilsfreien Grauen Zellen, haben Konzepte entwickelt, die später andere oft übernommen haben. Wir bieten Menschen an, sich mit den Überlebensfragen dieser Gesellschaft auseinanderzusetzen und wir bieten oftmals ungewöhnliche Lösungen an…
Gerade wir Grauen Panther wissen um die Individualität eines jeden Menschen, die wir ja gerade schützen wollen…

Unsere Kardinalpunkte bleiben:
Die Neuorganisierung einer Altersversorgung, die jedem ein individuelles Leben nach freier Wahl ermöglicht.
Eine Gesundheitspolitik mit neuen Schwerpunkten.
Der Ausbau zum sozialverpflichteten Staat unter den Prämissen: Gleiche Lebenschancen für alle, Gewährleistung menschenwürdiger Lebensverhältnisse für alle sowie umfassender Hilfe zur Selbsthilfe in allen Bereichen.
Schaffung ganz neuer und anderer, selbstverwalteter Arbeitsplätze.
Dem Schutz der Menschenwürde und der Individualität hat sich alles unterzuordnen.
Und wir treten ein für mehr Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung in allen Teilen der Gesellschaft.
Der allumfassenden Verbeamtung unseres Landes muss Einhalt geboten werden. Vor allem und am dringlichsten natürlich in den Parlamenten….

..eine breite Plattform zu bieten für alle, die begriffen haben, was in Zukunft durch die umgekehrte Alterspyramide auf uns zukommt. Wir müssen den Verteilungskampf der Generationen vor allem dadurch verhindern, dass alte Menschen deutlich ihre Interessen formulieren, dies aber nicht auf Kosten anderer tun wollen, sondern immer im gemeinsamen Kampf mit den Jungen für eine menschenwürdigere Gesellschaft. Die herrschende Politik neigt ja dazu, alles zu verdrängen und den nächsten Generationen in die Schuhe zu schieben. Wenn wir den Sprengstoff jetzt aufgreifen und zu entschärfen versuchen, sollte man uns dankbar sein…

Es gibt noch viel zu tun. Eigentlich haben wir ja erst richtig angefangen.
Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin.“…

Dem wäre – fast 20 Jahre später – was die Arbeit und die gesellschaftspolitischen Ziele der „Graue-Panther-Generationen-Bewegung“ und die Neu-Aufstellung des Bundesverbands Graue Panther e.V. und der SSB „Senioren-Schutz-Bund Vereine Deutschlands“ betrifft, kaum etwas hinzuzufügen.

Ihren 80sten Geburtstag feierte Trude Unruh am 7. März 2005 in Berlin, mit einem Empfang in der Parlamentarischen Gesellschaft. Als Ausdruck großer Wertschätzung für Leben, Person und Wirken gratulierten ihr Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft, wie Rita Süßmuth, Hans-Jochen Vogel, Horst Seehofer, Norbert Blüm, Antje Vollmer, Jutta Limbach oder auch Peter Maffay und Udo Lindenberg.

Zum 90. Geburtstag und, damit das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommt, möchten an dieser Stelle heute ihre wahren Weggefährten und Weggefährtinnen noch eine persönliche Gratulation hinzufügen:

„ Liebe Trude,
wir freuen uns sehr darüber, dass es Dir heute - den Umständen entsprechend - gut geht und möchten Dir zu Deinem 90. Geburtstag auch ein herzliches Dankeschön sagen!
Für Dein Vorbild, Deine Visionen, Dein Vertrauen, Deine Authentizität und Menschlichkeit, das treffende – wenn auch nicht immer bequeme, manchmal harte – Wort zur rechten Zeit, Deine Basisarbeit für Alt und Jung, die Streitbarkeit, Deinen weiten Horizont, über Partei- und menschliche Grenzen hinaus zu denken und zu handeln, für die Senioren-Plattform, deren Fundament immer noch trägt. Und das Gute, das Du in Deiner Schaffenszeit für Deine Mitglieder und die Menschen getan und erreicht hast.

Und mag es an so mancher Stelle selbst heute noch kein Unrechtsbewusstsein geben:
Uns tut es in der Seele weh und sehr leid, was mancherorts mit Deinem politischen Erbe mit krimineller Energie, eigennützig und verantwortungslos geschehen ist – und vielleicht noch geschieht. Zum großen Leidwesen von Dir und auch Deiner Familie. Wir wünschen Dir, dass es in manchen Köpfen vielleicht doch noch so etwas wie späte Einsicht in Unrechtsverhalten und eine an Dich gerichtete ENTSCHULDIGUNG geben mag.

Mögest Du die Stärke kraft Deiner menschlichen Größe für Vergebung finden…Mögest Du Frieden und die verdiente Ruhe in Deinem Lebensabend finden, die Dir so lange verwehrt geblieben sind, umsorgt und getragen von Deiner Familie.

In der Mystik ist die Zahl 9 die Zahl der „Vollendung“. Und wem die Gnade widerfahren ist, dieses hohe Alter in Würde zu erreichen, der hat - im Laufe der Lebenserfahrung - zumeist auch die Gaben der Liebe, der Milde, der Güte, des Humors und der Weisheit geschenkt bekommen. Wobei wir uns in punkto Milde bei Dir nicht so ganz sicher sein können, denn auch „Kratzbürstigkeit“ hast Du mit Leidenschaft gelebt!

Wir sind bereit, Deine wegweisende Arbeit für die heutige Gesellschaft fortzuführen. Wir werden Dein Lebenswerk im Herzen tragen und versuchen, es würdig und in Deinem Sinne nach Außen weiterzuentwickeln.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, gute Gesundheit und eine erfüllte Zeit im Kreis Deiner Familie! Mögen die kommenden Jahre für Dich gesegnet sein!“



Für den Bundesvorstand Graue Panther e.V.
i.A.

Jutta Jaura
Präsidentin und Bundesvorsitzende
Bundesverband Graue Panther e. V.

Jutta Angelika Wonschik-Steege
Pressesprecherin
Bundesverband Graue Panther e.V.


Berlin, im Juni 2015


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